Wie haben Sie die Kommunalwahl am 7. Mai 1989 erlebt? Schreiben Sie mit im Blog!

Kommunalwahl (Foto: Deutsches Rundfunkarchiv); Friedensgebet in Eisenach
Kommunalwahl (Foto: Deutsches Rundfunkarchiv); Friedensgebet in Eisenach

(04.05.2009) — Online-Redaktion

Am 7. Mai 1989 wurde in der DDR zum letzten Mal gewählt. Oder richtiger: Gefaltet. Es war Kommunalwahl.

Anzukreuzen waren die Kandidaten der Nationalen Front. In vielen Orten haben Christen an den öffentlichen Auszählungen teilgenommen und so mitgeholfen, die Wahlfälschung zu entlarven. Wie haben Sie den 7. Mai 1989 erlebt? Waren Sie "falten" oder haben Sie die Wahlkabine benutzt oder sind Sie gar nicht erst hingegangen? Und außerhalb des "Eisernen Vorhangs": Was haben Sie mitbekommen?

Erzählen Sie Ihre Geschichte in unserem Internet-Tagebuch. Ob mutig oder angepasst, wir suchen Zeitzeugen für unseren Blog. Die Erinnerung an das Wahlverhalten vor 20 Jahren hilft uns hoffentlich, den Wert freier und geheimer Wahl zu schätzen.

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14 Kommentare


 

1

Aribert Rothe

3. Mai 2009 um 22:11:47 Uhr

Wie wir den Wahlbetrug der letzten DDR-Kommunalwahlen in Erfurt aufgedeckt haben

Gespannt ging ich mit meiner Tochter am Wahlsonntag 18.00 Uhr zur öffentlichen Auszählung. Im Wahlraum herrschte geschäftiges Treiben. Ein Tisch versperrte den Eintritt, und auf einmal hatte die Auszählung schon angefangen. Neun Männer und eine Frau sortierten und zählten die Wahlscheine in 20er Bündeln und legten einige Zettel extra. Die Frau, die der Tür am nächsten stand und deren Wahlzettel ich undeutlich erkennen konnte, lieferte die meisten der 24 Nein-Stimmen, die am Ende offiziell bekannt gegeben wurden. Das waren fast 10% der abgegebenen Stimmen! Abends trafen sich in der ESG zahlreiche Beobachter. Einige waren wie Störenfriede behandelt worden, einer Frau hatte der wütende Wahlleiter ihren Notizzettel entrissen. Wir zählten unsere Ergebnisse zusammen. Trotz aller Manipulationen war das klare Votum der Bevölkerung beachtlich. Der Schock kam am Morgen und stand im Neuen Deutschland. Wir hatten absolut mehr Nein-Stimmen (648) in den kontrollierten Wahllokalen registriert, als es offiziell in der ganzen Bezirksstadt geben sollte (413)!

(Nach: Aribert Rothe, 40 Jahre Wahl-Los leben in der DDR, 1989 anonym im Untergrundblatt "Erfurter Schlagloch" abgedruckt)


 

2

Brigitte Andrae

3. Mai 2009 um 22:13:49 Uhr

Mit einem knallroten Kopf verbinde ich die Kommunalwahl 1989. Das kam so: Eine halbe Stunde vor Schließung des Wahllokals klingelten an unserem Pfarrhaus in Magdeburg-Stadtfeld verschüchtert zwei Wahlhelfer. Mein Mann und ich sollten doch wählen gehen. "Kommt überhaupt nicht in Frage", erwiderte mein Mann. Ich war weniger resistent und machte mich mit unserer neunjährigen Tochter Katharina auf den Weg zu ihrer Polytechnischen Oberschule. Dort in einem Klassenraum war nämlich das Wahllokal. Und hinter der aufgeklappten Tafel die Wahlkabine. Kurz vor sechs war ich die einzige Wählerin. Mit Katharina ging ich hinter die Tafel. Auf dem Wahlzettel strich ich jeden einzelnen Kandidatennamen durch. "Mama, warum streichst du denn alles durch?" rief Katharina durch den ganzen Raum. Alle starrten mich an. Ich wurde knallrot. Trotzdem ging ich zur Wahlurne und warf den Umschlag mit den durchgestrichenen Namen ein.


 

3

Ralf-Uwe Beck

3. Mai 2009 um 22:15:14 Uhr

Am 7. Mai 1989 haben wir zweimal Besuch bekommen. Am Nachmittag kam der Gesprächskreis einer Eisenacher Kirchgemeinde zu uns nach Creuzburg geradelt. Wir haben dann ganz absichtlich das Haus verlassen, um nicht aufgefordert zu werden, zur Wahl zu gehen, und sind auf einen nahen Berg gestiegen. Kurz vor 18 Uhr waren wir zurück und der zweite Besuch hat uns dann doch noch angetroffen. Wir sollten doch bitte wählen gehen. Dem sind wir nicht gefolgt. Derselbe Mann aber, der uns an dem Wahlabend besucht hatte, stand Anfang Dezember wieder vor der Tür. Er übergab uns ein zerrissenes Blatt, das er verwahrt hatte - die Mitschrift einer Rede des 1. Sekretärs der SED-Kreisleitung vor den Kampfgruppen. Aufgelistet waren vier Personen, darunter mein Name, und dann der Satz: "Wenn es um die Frage der Macht geht, wird die KG (Kampfgruppe) eingesetzt." Ein Mann hatte uns am 7. Mai besucht, der in sechs Monaten vom DDR-Wahlhelfer zum Bürger geworden war.


 

4

Christoph Kähler

3. Mai 2009 um 22:16:17 Uhr

Mein 7. Mai 1989 fand schon vier oder fünf Tage davor statt. Für den 7. Mai selbst war eine längere Reise geplant. Darum ging ich einige Tage vorher in das Sonderwahllokal im Leipziger Norden. Dort erwartete ich die Zeremonie wie bei jeder Wahl in der DDR. Um wie immer in die Wahlkabine zu gelangen und dort sorgfältig eine Neinstimme zu produzieren, hätte ich leicht angespannt an allen Beobachtern vorbei in die menschenleere äußerste Ecke gehen müssen. Dort hätte ich innerhalb eines leichten Gestells allein durch dessen unvermeidliches Wackeln angezeigt, dass ich den Zettel nicht nur zu falten gedachte, sondern auch mit einem Stift bearbeiten wollte. (Jeden Namen einzeln ausstreichen!). Wie immer würde es eine gähnende Leere in dieser Zone des Wahllokals geben. Doch diesmal kam alles ganz anders als sonst. Das Sonderwahllokal war so voller Menschen wie noch nie. Eine Beobachtung und Strichliste über unbotmäßige Wahlberechtigte schien zumindestens sehr erschwert, wenn nicht gar ganz unmöglich. Vor der Kabine selbst stand zum ersten Mal in meinem Leben eine kleine Schlange. Eine Menge anderer Wähler suchten sich Fensternischen oder andere geeignete Plätze, an denen sie sich mit einem Stift auf den Zetteln zu schaffen machten.Allein während meiner Anwesenheit haben so dutzende Bürgerinnen und Bürger ganz offen eine Protestwahl versucht. Als ich nach Hause kam, berichtete ich meiner Frau von dieser erstaunlichen Wendung. Darum gehörte sie auch zu den Auszählern am Abend, die versuchten, die Zahl der Neinstimmen in Erfahrung zu bringen. Die nahezu 100%ige Zustimmung, die man dann am nächsten Tag in der Zeitung lesen konnte, war in diesem Fall so augenscheinlich und so plump gefälscht, dass die offenbare Verdrossenheit mit diesem System der Lüge zu einem neuen Höhepunkt strebte.


 

5

Gerhard Seifert

3. Mai 2009 um 22:17:32 Uhr

Meine Frau und ich haben uns lange darüber unterhalten, ob wir denn überhaupt zur Wahl gehen sollten. Irgendwie war uns vieles damals ziemlich egal. Die da oben machten doch sowieso, was sie wollten, Wahl hin und Wahl her. Schließlich sind wir dann doch in den für uns zuständigen Klub der Volkssolidarität gegangen zum Zettel falten. Ich gestehe, damals kein Widerstandskämpfer gewesen zu sein. Ich gehörte zu den vielen, die sich eingerichtet hatten. Lasst mich bloß in Ruhe, es wird sich doch eh nichts ändern.

Die Stimmung in dem Wahllokal war eigenartig. Immer wenn potentielle Wähler erschienen, begann ein Pionierchor mit seinem Gesang. Irgendwie taten mir die Knirpse leid. Wie eine Schallplatte mit Sprung immer die gleiche Strophe. Auch, als wir wieder rauskamen. Im Wahllokal saßen die Wahlhelfer. Die Gesichtsminen in einer Mischung aus seelsorgerlichem Blick und fiesem Vopo (Volkspolizist).

Ich gönnte mir lediglich einen kleinen Blick auf den Wahlzettel und auf die Namen der Kandidaten der Nationalen Front, wie es damals hieß. Einige dieser Kandidaten haben Monate später laut und öffentlich erklärt, dass sie schon immer wussten, das es so nicht weitergeht. Nach dem Falten und Einwerfen erleichterte Gesichter der Wahlhelfer, fast wie nach einer Entbindung. Und dann noch die Jungen Pioniere. Arme DDR, und ich habe auch noch an diesem Schauspiel mitgewirkt.


 

6

Christian Dietrich

4. Mai 2009 um 16:03:55 Uhr

Mit dem Wahlprotest begannen die regelmäßigen Montagsdemonstrationen in Leipzig.

Ich studierte 1989 in Leipzig Theologie. Während eines Essens in der Mensa im Februar entwickelte ich mit meinem Kommilitone Jochen Läßig eine demonstrative Form des Wahlprotestes. Statt Durchstreichen der Wahlzettel sollte es eine symbolische Abwahl der SED gegeben. Unsere Idee war es, für den Wahlabend eine Demonstration vor dem (Alten) Rathaus zu Leipzig zu organisieren, bei der jeder seine Wahlbenachrichtigung mitbringt - als Beweis, kein Wähler zu sein. Wenige Tage später gründeten dann Kathrin Hattenhauer, Gesine Oltmanns, Michael Arnold und ich die "Initiative zur demokratischen Erneuern unserer Gesellschaft (Demokratische Initiative)", die zu einer DDR-weiten Sammlung als oppositioneller Plattform aufrief (Anlage 3 der Stasi-Information, die unter http://www.ddr89.de/ddr89/texte/mfs1.html veröffentlicht ist. Wir druckten Flugblätter mit einem Stempelkasten, mit denen für die Demonstration am 7. Mai aufgerufen wurde (Auf den ersten stand "NA ELLA" statt "AN ALLE"). Sie wurden in Leipzig und Dresden verteilt. Zugleich hatten wir darüber auch westliche Korrespondenten (ARD, ZDF, AFP) informiert. Ende April später erfuhr ich, dass die Sicherheitsorgane im Theologischen Seminar nach mir (wie auch einigen anderen) fahndeten. Ich wohnte schon einige Wochen nicht mehr in meiner Wohnung. Am Abend vor dem 1. Mai kam dann ein Freunde und sagten, ich müsse mcih verstecken, denn es sei geplant Isolierungslager für Demonstranten und Oppositionelle noch vor den Wahlen zu schaffen, eine Information, die wie ich später fand, gezielt von der Stasi verbreitet wurde, und einen schrecklichen Wahrheitskern hatte. In diesen Tagen wurde in Leipzig "sortiert". 2000 Ausreisewillige bekamen kurzfristig die Ausreise und im Gelände der agra wurden Pferdeställe zur Internierung vorbereitet. Am 6. Mai bin ich mit meiner Frau nach Jena gefahren - für alle Fälle. Am späten Nachmittag fuhren wir zurück und gingen vom Bahnhof aus zum Marktplatz und sahen hunderte von zivilen Sicherheitskräften (mit ihren Schirmen). Es gab mehrer Festnahmen in der Innenstadt. Ein Demonstrationszug oder eine symbolische Wahl waren ausgeschlossen. Später berichteten mehrere - u.a. Dr. Pollack bei dem ich an der Universität eine Übung besuchte, dass die Beobachtung der Brutalität zum Widerstand mobilisierte.

Ich berichtete 18.00 Uhr von einer Telefonzelle - unter Beschattung - von meinen Beobachtungen. Korrespondenten durften am 7. Mai nicht in die Stadt, so dass z.B. Hans-Jürgen Börner (ARD) dann am Ortseingangsschild von Leipzig von den Protesten gegen die SED-Führung berichtete (vgl. auch http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/25/0,1872,7112281,00.html).

In der Nacht tauschten sich dann schon viele der Wahlbeobachter ihre Erfahrungen bei Michael Arnold aus. Am nächsten Tag hatten wir, d.h. der Arbeitskreis Solidarische Kirche das Friedensgebet in der Nikolaikirche. Es war emotional sehr geladen. Im Anschluss daran versperrten nach einiger Zeit Polizeiketten den Weg von der Kirche - damit sich kein Demonstrationszug formieren konnte. Immer wieder wurden Menschen festgenommen. Ich verweigerte mich jedoch mit Methoden des gewaltlosen Widerstands - und wenig später saßen mir zur Seite u.a. Edgar Dusdal oder Katrin Hattenhauer u.a., auf der Grimmaischen Straße und wir sangen "We shall over came". Dann fuhr ein Polizei LKW vor. Wir wurden "verladen", doch von nun an gab es kein Friedensgebet mehr ohne eine anschließende Demonstration bis die SED entmachtet war. Als im September die Staatssicherheit mich erneut auf der Grimmaischen Straße festnehmen wollte, gab es solch einen großen Solidaritätsring von Menschen, dass ein Polizist vor den Menschen "laut und vernehmlich" versichern musste, dass ich mich in der Stadt frei bewegen kann, bevor sie die Sicherheitsbeamten frei ließen. Zu diesem Zeitpunkt war mir klar, dass die Macht auf "der Straße liegt". Es bedurfte dringend politischer Vereinigungen, die die "Konkursmasse DDR" wie Martin Gutzeit sagte, übernehmen konnten und wollten. Menschen, die wirklich Verantwortung übernehmen wollen, waren aber auch damals, als im Treppenhaus und auf der Straße die Unterzeichner des Neuen Forums Schlange standen etwas Wertvolles und Rares.


 

7

Simnie

4. Mai 2009 um 19:36:43 Uhr

Als ich noch in der DDR lebte, bin ich zur Wahl gegangen und habe meinen Zettel gefaltet, ohne eine Wahlkabine zu benutzen. Ich war mit vielen Sachen in der DDR nicht einverstanden, aber mit der Friedenspolitik schon. Kein NVA-Deutscher mußte in den Krieg ziehen. Im Westen merkte ich schnell, daß die Wahlen auch nur ein Spiel sind. Ich habe keinen Einfluß auf die Kandidatenaufstellung (alles geht über Parteilisten)und gelogen wird, wie bei DDR-Wahlen. Dort belog man uns mit den angeblichen Erfolgen und heute mit Wahlversprechungen, die nicht eingehalten werden. Seit deutsche Soldaten wieder an Kriegseinsätzen im Ausland sind, gehe ich nciht zur Wahl. Das ist mein Protest. Nun bin ich gespannt, ob mein Beitrag, der von der Parteilinie abweicht, ins Forum gestellt wird.


 

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Astrid Rothe-Beinlich

5. Mai 2009 um 08:58:55 Uhr

"Eure Rede sei JA JA oder NEIN NEIN. Was darüber ist, ist von Übel"

Seit 1987 engagierte ich mich in der kirchlichen Umweltgruppe in der OASE in Erfurt. Wir trafen uns jeweils am 1.Dienstag im Monat - immer zu einem thematischen Schwerpunkt. Unser Treffen im März 1989 stand unter der Überschrift "Wahlrecht - Wahlpflicht". Es kamen mehr als 60 Leute, darunter auch einige Ausreisewillige. Die Vorbereitungsgruppe hatte sämtliche Informationen und gesetzlichen Grundlagen zur anstehenden Kommunalwahl zusamengestellt. Ziel unseres Versammlung war es, Menschen zu ermutigen, mit NEIN zu stimmen - immer im Wissen um mögliche Konsequenzen. Zunächst jedoch gab es eine Grundsatzdebatte darüber, ob man überhaupt an dieser Farce - so bezeichnete beispielsweise meine Mutter die Wahl - teilnehmen solle, da dies ja bedeutete, die Wahl als solche anzuerkennen.

Vereinbart wurde, dass möglichst viele in Erfurt von dem Recht Gebrauch machen sollten, an der Stimmauszählung teilzunehmen, was allerdings nur in dem Lokal zulässig war, das zum eigenen Wahlbezirk gehörte. Allein in Erfurt gab es jedoch mehr als 200 Wahllokale. Als besonders problematisch erwies sich das sogenannte Sonderwahllokal, in dem schon vor dem Wahltag gewählt werden konnte. Berichten zufolge standen dort erstmals die Menschen vor den sogenannten Wahlkabinen Schlange, die in der Regel nur nach der wortwörtlichen Umgehung diverser Hindernisse (Blumenkübel etc.) erreichbar waren. Vorteil des Sonderwahllokals war, dass die in diesen tätigen Wahlvorstände die WählerInnen oftmals nicht kannten - anders als im Wahllokal des Wohnbezirks und damit die Hürde niedriger war, NEIN zu sagen. Besonders war allerdings auch die Auszählung im Sonderwahllokal. Mit dem Verweis auf Sonderbestimmungen im Sonderwahllokal wurde die Beaobachtung verunmöglicht. Im Wahllokal 47/317 A(in der damaligen POS 50), in dem mein Vater und ich nach der Feststellung unserer Personalien die Auszählung verfolgten, wurden wir nur bis zur Tür gelassen - Begründung: wir würden die Arbeit des Wahlvorstands stören. Auffällig: die meisten NEIN-Stimmen sammelten sich bei dem Zähler, der am nächsten zur Tür saß.

Immerhin: in "unserem" Wahllokal hatten 9,8% mit NEIN gestimmt, es gab 321 JA und 35 NEIN-Stimmen. Im Lokal gegenüber ein ähnliches Resultat.

Am Abend trafen wir uns, um die Ergebnise zusammenzutragen. Immerhin war es uns gelungen, in 36 der 212 Wahllokale die Auszählungen zu verfolgen. Insgesamt zählten wir 648 NEIN-Stimmen für Erfurt - der Schnitt lag bei 10% Gegenstimmen.

Der Schlag traf mich am nächsten Morgen. Zwar waren die Angaben noch ohne Gewähr. Aber die Zeitungen vermeldeten nur 413 NEIN-Stimmen für ganz Erfurt. Es folgten Telefonate mit diversen anderen Aktiven in Jena, Berlin, Halle... Überall offensichtliche Widersprüche...

Die 413 Stimmen wurden später noch bestätigt als offizielles Ergebnis. Für mich brach damals etwas zusammen. Ich hatte nicht für möglich gehalten, dass aus dem offensichtlichen Betrug nichts folgte... Das Evangelische Ministerium erhob am 11.Mai 1989 Einspruch beim Nationalrat der Nationalen Front. Am 25. Mai gab es ein Gespräch zwischen Vertretern des Evangelischen Ministeriums und dem Beauftragten des Oberbürgermeisters. In diesem wurde der Einspruch der Erfurter Pfarrerinnen und Pfarrer mündndlich zurückgewiesen. Dies veranlasste die PfarerInnen zu einer Kanzelabkündigung, die mit Spannung in vielen Kirchen gehört wurde. In dieser hieß es: "Wir müssen darauf bestehen, dass der Widerspruch zwischen den offiziell bekant gegebenen und den von uns offengelegten Zahlen aufgeklärt wird. Solange dies nicht geschieht, ist unser Einspruch nicht erledigt. Wir erneuern unsere Erwartung, dass durch eine zufriedenstelende Antwort Vertrauen und Wahrhaftigkeit im gesellschaftlichen Leben unserer Stadt wiederhergestellt werden."

Für mich, Jahrgang 1973 war nach dieser "Wahl" klar: die DDR tritt die Menschenrechte und die Wahrheit - koste es was es wolle - mit Füßen, selbst wenn der Betrug nachgewiesen wird. Ich hatte jeglichen Restrespekt vor diesem - so schrieb ich es in einem verzweifelten Brief an meine Freundind "Verbrecherstaat" verloren. Und es war nachvollziehbar und tat doch so weh, dass im Sommer etliche unserer Freunde der DDR endgültig den Rücken kehre. Meine Eltern wie mich führte jedoch weiter der Leitspruch: "Bleibe im Lande und wehre Dich täglich."

Dass jedoch schon im Herbst die friedliche Revolution gelingen würde, war für mich unvorstelbar.

Astrid Rothe-Beinlich, heute: Bundesvorstand BÜNDNIS 90/DIE GRÜEN und seit 2000 Landessprecherin der Thüringer Bündnisgrünen


 

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Rita Simnie

5. Mai 2009 um 12:33:39 Uhr

Ich war zur Komunalwahl vom DFD in Gransee als Wahlhelfer dem Wahllokal zugeteilt. Vom Wahlvorstand wurden wir eingewiesen und dann kam der unerwartete Hinweis, wir sollten mit höflichen Gesten die Benutzung der Wahlkabinen empfehlen.Das warum sollte sich gegen Mittag aufklären. Eine Dreiergruppe der Zentralen Wahlkommission aus Berlin kam zur Kontrolle. Ich erkannte nur die bekannte Schauspielerin Marga Legal. Sie sprachen mit dem Wahlvorstand, schauten in die leeren Wahlkabinen, prüften die Wahlurne und sprachen auch mit Wählern nach deren Wahl. Die meißten Leute falteten ihren Zettel, ohne die Kabinen zu benutzen. Zu unserem Glück gingen während des Besuches der Kommission zwei Wähler in die abinen, was uns ein gutes Kontrollergebniss brachte. Von Fälschungen habe ich nichts gemerkt. Warum nur diese Fälschungen? Eine Mehrheit hätte doch die SED auch damals bekommen. Warum der Betrug? Ich begreife es bis heute nicht. Heute steht man bei Wahlen offen den Wählerbetrug ein, aber Ergebnisse werden nicht gefälscht. Allerdings gibt es auch keine solch organisierte und überörtlich gesteuerte Kontrolle durch Unabhängige, wie damals bei den Kommunalwahlen. Jetzt, vor den Bundestagswahlen heißt es, keine Steuererhöhungen für die Bürger auf Grund der Krise. Dieses Versprechen der Wähler wird sich nach der Wahl wieder ins Gegenteil verkehren. Das nenne ich auch Betrug, nur niemanden stört dies, auch nicht die Aktivisten von 1989.


 

10

Ulrich Bär

6. Mai 2009 um 10:03:28 Uhr

Die ´89er Wahl ist uns noch gut in Erinnerung. Meine Frau Doris und ich waren uns wie immer einig, gültig zu wählen, aber alle Wahlvorschläge zu streichen. Diesmal wollte ich bei der Auszählung dabei sein. Von einem unserer Freunde wussten wir, dass er ebenfalls alle Wahlvorschläge streichen wollte.

Das Auszählungsergebnis im Brandenburgischen Dorf Lünow wurde den Wahlhelfern und mir als einzigem Beobachter bekanntgegeben: 100prozentige Zustimmung zu den Kandidaten.

Daraufhin widersprach ich dem verkündeten Endergebnis mit der Bemerkung, von mindestens drei Stimmen zu wissen, die mit nein gestimmt hatten.

Nach kurzer Verwirrung und Rückfragen an mich wurde die von mir geforderte Auszählung wiederholt und ergabe nun ein realistischeres Gesamtbild. Neben den drei Neinstimmen gab es nun weitere Stimmzettel mit Streichungen zumindest einzelner Namen. An genaue Ergebnisse kann ich mich nicht mehr verläßlich erinnern, aber mindestens sieben solcher Stimmzettel mit Streichungen waren es.

Den Wahlhelfern war die Verlegenheit, bloßgestellt zu sein, z.T. anzumerken und es folgten vom Wahlleiter Entschuldigungen wie, das erste Auszählungsergebnis sei dem fortgeschrittenen Alter der Wahlhelfer zuzuschreiben und selbstverständlich ein Versehen und keine Absicht.


 

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Dietlind Steinhöfel

7. Mai 2009 um 12:01:53 Uhr

In Weimar organisierte der "Donnerstagskreis" (offene Arbeit) die "Wahlkontrolle". Ich selbst war einige Jahre nicht zur Wahl gegangen, diesmal empfand ich es als Pflicht "durchstreichen" zu gehen. Mein Mann und ich hatten uns als "Mitzähler" für unser Wahllokal entschieden. Schon im Vorfeld war es aufregend.

Wir gingen mit Stift, Lineal und fester Unterlage (man wusste ja nie, ob nicht eine Tischdecke das Durchstreichen erschwerte) am 7. Mai zur Kommunalwahl. Am Abend nahmen wir unseren 15-jährigen Sohn mit zum Auszählen. Es war eine aufregende Geschichte. Die Atmosphäre war beklemmend. Die Beobachter der Auszählung schauten sich prüfend an. Wer war "offiziell" hier, wer gehörte zu den Bürgern, die kontrollierten? Ein breitschultriger Wahlhelfer drängte mich zurück, als ich versuchte, einen Blick auf die Wahlzettel zu wagen. So war es nicht möglich zu kontrollieren, ob die Nein-Stimmen richtig gezählt wurden. Aber auch das offiziell an diesem Abend verkündete Ergebnis reichte für eine Hochrechnung und den Vergleich mit den Zahlen am nächsten Tag in der Zeitung, um eine Wahlfälschung in Weimar zu beweisen. Am 8. Mai kam Angelika Schön vom Donnerstagskreis in die Redaktion, um die Zahlen abzuholen, die wir ermittelt hatten.

Das Mitzählen im Sonderwahllokal im Weimarer Rathaus war nicht möglich. Die sich hier für die Gegen-Hochrechung bereit erklärt hatten, wurden - angeblich wegen Überfüllung - nicht eingelassen. Wir waren jedoch alle davon ausgegangen, dass gerade im Sonderwahllokal viele Nein-Stimmen abgegeben worden waren.


 

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Sigrid Rothe

7. Mai 2009 um 14:38:50 Uhr

1968 als ich grade 18 Jahre war und im März zum "Volksentscheid für die sozialistische Verfassung" im Wahllokal mit Blumenstrauß begrüßt wurde, entschloss ich mich, mit weichen Knien hinter die als Wahlkabine bezeichnete spanische Wand zu gehen und mein "Nein" zu kreuzen. Ich machte die Erfahrung: Immerhin, das geht.

Auch an allen folgenden Wahlen nahm ich teil, schlängelte mich mit Herzklopfen an Pflanzkübeln vorbei zur "Kabine" und warf dann meine Nein-Stimme in die Urne.

Nur einmal, seit ich wahlberechtigt bin, war ich nicht zum Wählen gegangen - nach reiflicher Überlegung und ganz bewusst. Das war zur Kommunalwahl am 7. Mai 1989. Wir hatten in unserer Umweltgruppe, im Arbeitskreis Erziehung und unter Freunden im Vorfeld dieser Wahl viel darüber geredet, wie am deutlichsten dem wachsenden Unmut über die herrschenden Verhältnisse des real dahinvegetierenden Sozialismus Ausdruck gegeben werden könnte. Wir hatten das Wahlgesetz unter die Lupe genommen und eine Art Handreichung verfasst, in der z.B. stand, wie man eine gültige Nein-Stimme abgeben konnte. Die Ausreisewelle riss nicht ab, die allgemeine Unzufriedenheit hatte mit Beginn der Ära Gorbatschow angesichts des immer haltloseren Anspruchs der sozialistischen Ideologie und dem Ausbleiben tatsächlicher Veränderungen bisher nicht gekannte Ausmaße angenommen. Nicht nur die stinkenden Flüsse und die verfallenden Städte ließen das ganze Land DDR als marode erscheinen. Vor allem waren es auch der anhaltend erfahrbare Realitätsverlust im Bewusstsein der Funktionäre und die damit einhergehende Verleugnung der bestehenden Probleme, die von einer wachsenden Zahl von Menschen als unerträglich empfunden wurden. Ein irgendwie sich abzeichnender Zusammenbruch schien unausweichlich. Die seit Anfang der 80er Jahre sich entwickelnden oppositionelle Gruppierungen unter dem Dach der Kirchen vermehrten sich und traten bei Kirchentagen, zu überregionalen Treffen (mobil ohne auto, Friedensseminare, Kirchentage, Ökumenische Versammlung) immer deutlicher in den Blick der Öffentlichkeit. Sogar einzelne Genossen, so war zu hören, gaben ihre Parteibücher zurück und ganz Mutige hängten Gorbatschowplakate in ihre Büros oder trugen Buttons mit seinem Konterfei.

Auf diesem Hintergrund sah ich den Gang ins Wahllokal als Akt der Akzeptanz eines Systems an, den ich nicht mehr vollziehen wollte und konnte - auch nicht mit einer "gültigen Nein-Stimme". Ich wünschte mir sehnlich ein Ende dieses kranken Staates und versuchte mit ähnlich Gesinnten meinen Teil dazu beizutragen.


 

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Peter Beyer

8. Mai 2009 um 23:02:54 Uhr

Kleines Dorf bei Staßfurt: Keiner ging in die Kabine, Protokoll schnell fertig, keine Gegenstimme, famos! Kurz noch mal durchsehen: Doch, da ist ein Stimmzettel ganz klar und deutlich durchgestrichen. Und ich war's. Hatte nämlich zwischen den Fingern unauffällig einen Stift geklemmt. Und beim ordentlich-genüsslichen Glattstreichen vor der Wahlurne ...


 

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Heike Kropf

14. Mai 2009 um 11:00:25 Uhr

Ich lag am 7. Mai bereits viele Wochen in der Geraer Frauenklinik. Entbindungstermin: 7. Oktober! Die Nacht vor der Wahl habe ich vor Aufregung kaum geschlafen. Als die Wahlurne dann von Bett zu Bett getragen wurde und diese mir sofort zum Einstecken des Wahlzettels, den ich kurz zuvor erst bekam, hingehalten wurde, bat ich um etwas Zeit. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich jeden einzelnen Namen durchstrich. Die 9 Menschen, die mir dabei zuschauten,waren vollkommen still geworden und keiner rührte sich mehr.Es wusste eigentlich keiner mit der Situation etwas anzufangen. Nachdem die Wahlkommission den Raum verlassen hatte, fragte eine Mitpatientin nach, ob ich damit wirklich mit NEIN gewählt habe. Dann kam man schnell auf ein anderes Thema zu sprechen. Mir ging es richtig schlecht, aus Angst vor meinem eigenen Mut und den noch unabsehbaren Folgen für mich als Lehrerin und für meine Familie. In den darauf folgenden Tagen jedoch kamen einige Schwestern, Ärzte und Patienten mehr oder wenig heimlich an mein Bett und drückten mir ihre Bewunderung aus. Es wusste also in Windeseile die halbe Station. Viele hatten sich dies nicht getraut, obwohl sie es gerne getan hätten. Das machte mir Mut. Dennoch lebte ich noch bis zum Herbst mit der Angst, dass doch irgend etwas passieren müsste. Meine Tochter ist dann übrigens nicht am 7. Oktober, sondern schon am 5. Oktober geboren.


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